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Es geht uns gut / Arno Geiger. – München: Carl Hanser Verlag, 2005. – 389 p. – ISBN: 3-446-20650-7

Klappentext:

“Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern.” Doch jetzt hat Philipp Erlach die alte Villa seiner Großeltern in der Wiener Vorstadt geerbt, und die ungeliebte Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm im Nacken.

Arno Geiger erzählt mit einer Unmittelbarkeit, als wäre jeder Tag der Vergangenheit unsere Gegenwart, und es gelingt ihm, jedes Jahrzehnt in einem einzigen Tag lebendig zu machen. Alma und Richard haben 1938 gerade ihre Tochter Ingrid bekommen, als die Deutschen in Wien einmarschieren: mit Richards Laufbahn ist erst einmal Schluß. 1945 irrt der fünfzehnjährige Peter mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen, um die längst verlorene Stadt der Russen zu schützen. Der Frieden müßte endlich das Glück bringen, doch Richard setzt Ingrid vor die Tür, als sie ausgerechnet mit den verkrachten Studenten Peter ihre eigene Familie gründen will. Die Familie zerbröckelt. Das Haus wird langsam leer. Das Leben wird Schritt für Schritt zur Vergangenheit. Doch als im neuen Jahrtausend Philipp das alte Haus radikal auszuräumen beginnt, sind die Toten in seinem Rücken alle wieder da.

Liebesgeschichten und Todesfälle, Krieg und Frieden, Alltagstrott und Silvesternächte: Arno Geiger erzählt von drei Paaren einer Familie, in deren privater Unordnung sich die politische spiegelt – ein bewegendes Stück Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Auszug, Seite 7:

Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern. Kurz legt er den Kopf in den Nacken. Während er die Augen noch geschlossen hat, sieht er sich wieder an der klemmenden Dachbodentür auf das dumpf durch das Holz dringende Fiepen horchen. Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, daß am Fenster unter de westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, daß Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfaßte er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, daß die Verriegelung fest eingeklinkt war.

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